Die Hitzeschlacht

Hoffentlich kommt heute überhaupt jemand. Die Temperaturen befinden sich auf Rekordniveau. Das macht uns allen ganz schön zu schaffen.
Hallo Gerald!
Ausgerechnet Gerald ist als erster da. Da kann man sehen, wie man sich täuschen kann. Gerald ist von uns am stärksten betroffen. Trotzdem ist er gekommen.
Hallo Franziska! Wo bleiben die anderen? Denen ist es doch wohl nicht zu heiß?
Ich bin froh, dass zumindest einer gekommen ist. Wahrscheinlich liegen die anderen mit den Füßen im Wasserbad zuhause auf dem Sofa!
Ja, der olle Uhthoff mit seinem Uhthoff-Phänomen schlägt dieses Jahr richtig zu.
In diesem Moment kommt Denise um die Ecke geschlichen. Sie sieht aus, als habe sie gerade einen Marathonlauf absolviert. Ausgerechnet Denise hat sich auch hergeschleppt! Alle Achtung!
Ist Uhthoff der Patientenquäler aus Mecklenburg? Ich habe den Artikel auf WIKI gelesen. Der hat zum Test seine Patienten in heißes Wasser getaucht und geguckt, ob die Sehschärfe nachlässt. Augenarzt halt!
Nee!
Den kannte ich bislang noch nicht!
Forschung fordert immer Opfer! Und ob das alles immer so stimmt auf WIKIPEDIA, wer weiß? Jedenfalls darf man den Test heute nicht mehr machen. Es haben sich einige MS-Patienten nicht wieder von der Tortur erholt. Eigentlich sollen die Symptome des Tests nur vorübergehend sein!
Wir haben uns erst zum dritten Mal getroffen und ich muss meine erste Einschätzung über Denise zurücknehmen. Das Küken hat richtig Ahnung.
Bei mir tritt das nur in der Badewanne auf. Deshalb bade ich nicht. Duschen ist auch ganz ok! Wenn das alles wäre, hätte ich das große Los gezogen.
Heute ist es total entspannt mit den beiden. Schade, dass Almuth nicht gekommen ist. 
Ein Lächeln kann ich mir bei dem Thema nicht verkneifen, obwohl das alles andere als lustig ist, wenn man von einem Diagnostiker zum Beweis einer Theorie in eine heiße Badewanne steckt wird.
Bei mir ist das ziemlich heftig, wenn es zu warm ist. Nicht nur die Augen machen „Probs“, auch die Beine werden komplett lahm.
Dafür bewegst du dich aber heute wie eine Elfe! Dagegen komme ich mir wendig vor wie ein Elefant.
Die Kühlweste macht`s!
Du hast eine Kühlweste an?
Ja! Cool nee?
Gerald zeigt auf die schwarze kurze Weste unter seinem offenen Hemd. Mir ist das gar nicht aufgefallen.
Wie funktioniert das Ding? Hast du irgendwo noch Kühl-Akkus versteckt oder ‘ne fette Batterie?
Fass mal an!
Das ist tatsächlich kühl. Leitungen, Akkus oder so etwas sieht man auch nicht. Wie das wohl funktioniert? Fühlt sich allerdings ein bisschen klamm an.
Das Stichwort ist Verdunstungskälte. In der Kühlweste befindet sich einfaches Leitungswasser. Sie fasst ein Vielfaches ihres eigenen Gewichts. Das Coolste ist aber, dass es automatisch mehr kühlt, wenn es wärmer wird. Je wärmer es ist, desto größer die Verdunstungskälte. Man drückt sie unter Wasser, dann saugt sie sich voll und danach hängt man sie kurz zum Trocknen auf. Das Wasser kann dann nur noch per Verdunstung wieder raus und kühlt dabei. Selbst wenn man draufdrückt, bleibt das Wasser drin.
Scheiße! Oh sorry! Das hört sich ja nach Hightech an. Das kostet doch sicher richtig Kohle, oder? Ich kann mir das bestimmt nicht leisten.
Ich kenne da jemanden über einen Schulkollegen, der  ... .
Klar, dass du jemanden kennst, der jemanden kennt. Und was machen die, die niemanden kennen? So wie ich!
Hättest du mich ausreden lassen, wüsstest Du es jetzt schon. Du kennst mich! So wie du zustehst bei dem Wetter, bist du eine Top-Kandidatin für eine Kühlweste.
Danke, du bist ein echter Charmeur!
Die geben es sich aber mal richtig, die beiden. Und niemand fühlt sich auf den Schlips getreten. Das sollten mal meine Freundinnen mitbekommen. Die fragen mich immer mitleidig, wie es mir geht und wenn ich zu erzählen beginne, hat mit einem Mal niemand mehr Zeit. Wenn ich recht überlege, sind so viele Kontakte abgebrochen. Egal!
Na klar, Denise! Mit einer Kühlweste an, bei den Temperaturen, zeige ich mich von meiner besten Seite. Jedenfalls kann ich es arrangieren, dass deine Chancen auf eine Krankenkassen gesponserte Kühlweste drastisch steigen. Ich habe das ja mitbekommen, wie er es angestellt hat und welche Fehler man von vornherein vermeiden kann.
Und das wäre?
Also! Hilfsmittel wie Kühlwesten, Therapiefahrräder usw. sind laut Krankenkasse Gegenstände des täglichen Lebens. Wenn ein Sportler eine Kühlweste trägt oder der Arbeiter am Hochofen bedeutet das für die Kasse, dass es sich bei Kühlwesten um ganz normale Dinge handelt, die jeder - behindert oder nicht – selbst anschafft. Alles, was ohne besondere Prüfung genehmigt werden kann, befindet sich im sogenannten Hilfsmittelverordnungskatalog. Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) hat schon durch seinen medizinischen Beirat darauf hingewiesen, dass Kühlwesten eine Hilfsmittelnummer erhalten sollten.
Woher weißt du das alles?
Ich sagte ja, ich kenne jemanden, der jemanden kennt. Und dann habe ich das alles nachgeschlagen. Es gibt so viele Leute im Netz, die irgendwelche Halbwahrheiten verbreiten, da dachte ich: »Erkundige dich selbst!« Das war nicht einfach, aber ich bekam schnell spitz, dass der »Jemand« wusste, wovon er spricht. Und vor allem hat er mir nichts versprochen. Jedenfalls haben Kühlwesten - glaube ich - noch keine Hilfsmittelnummer. Also musste Plan B ran.
Krankenkassen behaupten gern, dass nur Dinge aus dem Katalog bezahlt werden. Rechtsverbindlich ausgeschlossen ist die Bezahlung damit aber nicht! Man weiß dann nur, dass es schwer wird. Etwas außerhalb des Hilfsmittelverordnungskatalogs zu bekommen, setzt dann eine Einzelfallprüfung voraus. Ach ja. Mit dem Rezept vom Neurologen, das die Bedürfnislage nicht stichhaltig begründet, kannst du dein Zimmer tapezieren.
Warum geben Neurologen dann ein Rezept für etwas, was man in der Regel nicht bekommt?
Das würde mich jetzt auch interessieren, Gerald!
Sorry ihr beiden! Woher soll ich das wissen?
Du bist sofort unser Spezialist geworden. Was du alles weißt! Ich googel das übrigens auch nach. Nicht, dass du auch einer von diesen »Ich-weiß-alles-Typen« bist, deren Tipps nur Luftblasen sind!
Denise hat ihr unschuldiges Kleinmädchengesicht aufgesetzt. Gerald weiß genau, wie Denise das mit dem Googeln meinte.
Das wir uns richtig verstehen, Denise. Ich bin der absolute Verfechter von »Mach-Selbst«. Beratung ist immer gut, aber machen muss man es selbst. Du kannst nicht erwarten, dass dir immer jemand hilft! Ich bin anfangs richtig reingefallen mit diesen selbst ernannten Spezialisten und ihren Ratschlägen.
Ab jetzt bist du Spezi! Unser Spezi.
Aus diesem Stammtisch kann richtig was werden. Jetzt haben wir schon einen Teilnehmer mit Spitznamen. Und dazu noch einen der Ahnung hat.
Erzähl weiter über die Sache mit der Kühlweste, Gerald!
Ok! Dann weiter mit grundsätzlichen Möglichkeiten. Wenn die Krankenkasse bzw. einer der Sachbearbeiter behauptet, dass sie etwas nicht bezahlen, ist das selten die ganze Wahrheit, jedenfalls im rechtlichen Sinne. Das ist für uns ganz wichtig zu wissen. Ich kenne jemanden bei einer Krankenkasse, dessen Name nichts zur Sache tut. Interne Richtlinien der Kasse schöpfen häufig nicht den ganzen Ermessensspielraum der gesetzlichen Möglichkeiten aus. Dies geschieht wohl, um möglichen Missbrauch zu verhindern.
Du redest unverständlich, ich glaube, wir müssen dir den Titel Spezi wieder aberkennen. Also, jetzt mal Tacheles. Oder vielleicht: „Butter bei die Fische“.
Denise ist wirklich der Kracher. Es kommt mir so vor, als würden wir uns schon ewig kennen.
Du meinst, die lügen dich am Telefon an? Im Ernst?
Das ist ja das Komplizierte. Sachbearbeiter sind keine Juristen. Sie arbeiten nach Anweisungen, internen Regeln. Ein Sachbearbeiter muss nicht einmal genau wissen, was im Sozialgesetzbuch steht. Schaut man sich die Ablehnungsschreiben der Kassen an, dann sind sie vielfach wortgetreu identisch zu bestimmten Anträgen. Egal ob in Herford oder in Lindow. Das sind vorgefertigte Ablehnungsschreiben! Was ja auch Sinn macht, da eigentlich alle immer das Gleiche wollen.
Man! Bis du so fertig bist, mit deinem Roman, ist der Sommer vorbei und ich bin lange weggeschmolzen. Nächste Woche soll es bis zu 35 Grad heiß werden. Sach einfach, wie es geht!
Gerald lächelt und gönnt sich einen tiefen Schluck aus seinem Glas. Der Gerald ist auch ‘ne Marke. Woher weiß der das alles? Ich komme mir total bescheuert vor. Ich dachte, ich bekomme ein Rezept, gehe damit in die Apotheke oder ins Sanitätshaus und hole, was draufsteht. Da hätte unser sehr geschätzter Neuro auch mal was sagen können!
So ein kühles Getränk bei der Hitze ...
Übertreib es nicht, Spezi!
Ich spinne jetzt mal rum. Die telefonische Absage: „Kühlwesten bezahlen wir nicht“, hast du schon kassiert. Dann denken 80 Prozent - vielleicht auch mehr - Kühlwesten werden halt nicht bezahlt und kaufen sich eine oder leben im Sommer in einem Kellerloch. Du lässt dich aber nicht so abspeisen und schreibst eine Begründung an die Kasse. Wie machst du das? Du „heulst“ denen was davon vor, dass du MS hast und es dir total „Scheiße“ geht, wenn es so warm ist. Das Schreiben nimmt die Sachbearbeiterin, wir wollen ja gleichberechtigt hetzen, und scannt es ein. Ein ausgeklügeltes Programm erkennt den Begriff „Kühlweste“ und aktiviert im Regelfall die „Ablehnungsbegründung 3712“. Aus dem Drucker daneben fällt deine ganz persönliche Ablehnung. Die Sachbearbeiterin kann sich nun wieder Bildchen im Internet widmen, denn sie braucht dringend einen neuen Fingernagelanstrich.
Fertig! Ach ja, eins habe ich vergessen. Das Programm checkt das Datum, schaut, wie die gesetzliche Bearbeitungsfrist ist, und legt den Vorgang vollständig bearbeitet auf Wiedervorlage, damit sie nicht zu früh rausgeht.
Das hast du dir jetzt aber ausgedacht! Man, das ist ja »1984«!
Denise überrascht mich immer mehr. Wer hätte gedacht, dass die »1984« von George Orwell kennt. Obwohl! »Big Brother is watching you!« kennt man vielleicht irgendwie. Gerald schmunzelt und nimmt wieder einen Schluck. Denise ruckelt ungeduldig auf dem Stuhl herum.
Da schlummert dein Antrag im Hintergrund ein paar Wochen rum, bis es eines Morgens, als sich die Sachbearbeiterin vielleicht gerade ihren Fingernägeln widmen will, »Ping« macht. Der Bildschirm zeigt deinen Vorgang an und es erscheint fettgedruckt: Möchten Sie drucken?
Total angezickt, der Lack ist noch feucht, ...
Jetzt wird es ein kleines bisschen frauenfeindlich, Gerald!
... drückt sie mit dem kleinen Finger die ENTERTASTE.
Gerald beugt sich zurück und schaut auf die Uhr. Dabei zucken seine Beine gefährlich. Der will doch jetzt nicht gehen. Die Zeit ist vergangen wie im Fluge.
Gerald, Spezi? Du willst doch jetzt nicht etwa gehen? Wir töten dich, wenn du das machst.
Gerald fühlt sich pudelwohl zwischen uns Frauen. Er genießt es sichtlich, uns zu veräppeln.
Ok! War ein Scherz. Aber ich muss jetzt wirklich los, meine Beine ... .
Jedenfalls fällt dein Ablehnungsschreiben  pünktlich kurz vor Ablauf der Frist aus dem Drucker, erhält ein rechtlich unangreifbares Datum und wandert in die Hauspost. Kern des Schreibens dürften die üblichen Floskeln sein: »Paragraf Blablabla“ kommt nicht in Betracht und „es handelt sich um einen 
»Gegenstand des täglichen Lebens« ... .
Das ist der Universalkiller für alle Anträge von Hilfsmitteln außerhalb des Hilfsmittelkatalogs. Was noch drinsteht und was man tun kann, gibt es beim nächsten Treffen. 
Denise dir schicke ich eine E-Mail und wir telefonieren dann.
Wie tägliches Leben? Du bist der erste, den ich mit einer Kühlweste in der Kneipe treffe. Ich ziehe mir doch nicht freiwillig so eine hässliche Weste an! Ticken die noch ganz rund?
Tja!