Skypen bei der Blutwäsche

Denise ist heute nicht da. Hoffentlich ist ihr nichts passiert. Ob ihr Schub wohl noch schlimmer geworden ist? Ich mache mir richtig Sorgen.
Weißt du, was mit Denise heute los ist, Franziska?
Nein ich mache mir auch schon die ganze Zeit Gedanken.
Es geht ihr sicher nicht so gut. Diese Augenprobleme sind aber auch richtig übel. Ich hatte schon lange keinen Sehnerv-Schub mehr. Jedenfalls bin ich immer wieder fasziniert, wenn ich jemanden mit Blindenstock durch die Stadt gehen sehe. Damals, als es bei mir mit einem Mal nur noch Wischi-Waschi zu sehen gab, traute ich mich keinen Schritt mehr aus dem Haus. Selbst in der Wohnung fand ich mich nicht mehr zurecht.
Au Mann, wollen wir hoffen, dass Denise das nicht genauso geht. Was glaubt ihr, was sie nach dem letzten Stammtisch gemacht hat? Also ich denke, sie ist auf jeden Fall zu unserem Neuro gegangen.
Ja, das glaube ich auch. Aber hat sie ihn auf die Plasmapherese angesprochen?
Und vor allem, was hat unser Neuro dazu gesagt? Ich habe schon einmal geschaut, wo man hier in der Nähe überhaupt eine Blutwäschebehandlung machen lassen kann. Ich könnte mir vorstellen, dass es über die MS-Ambulanz bei uns im Klinikum eine Vermittlung ins Dialysezentrum auf dem Klinikgelände geben kann.
Das hört sich bei dir so an, als läge Denise schon mit ‘nem Katheter in der Vene an so einer Höllenmaschine. Sie muss doch die Entscheidung treffen. Ich wüsste nicht, ob ich so etwas mit mir machen ließe. Die Risiken!
Was mir richtig Angst macht, ist das Infektionsrisiko. Ich glaube nicht, dass mein Körper die Blutwäsche nicht vertragen könnte. Aber was passiert, wenn mal wieder Keime unterwegs sind und die direkt in meine Halsvene wollen? Das ist gefährlich. Ihr wisst ja, dass der schnellste Weg in den Tod, durch ein Bett im Krankenhaus führt. Infektionen, gerne mal der Lunge, raffen wahrscheinlich mehr Patienten in Krankenhäusern hin, als Klinikärzte Leben retten können.
Das nennt man »Win-win«!
Jetzt übertreibt ihr aber ein bisschen. Wenn ich das mit der Blutwäsche noch mal überdenke, ist es doch ein Verfahren, das dem Körper nicht langfristig schadet, oder?
Stimmt!
Wieso wird es dann nicht viel häufiger angewendet? Wenn ich rein logisch darüber nachdenke, ist doch jede Kortisonbehandlung für den Körper gefährlicher bezüglich möglicher Langzeitschäden. Allein was das auf Dauer mit der Haut macht, Akne, Diabetes und was sonst noch alles.
Gute Frage! Stellen wir uns einfach die Frage, was das Gesundheitssystem zu einem der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren in unserem Land sagt.
Welche soll das sein?
Ganz einfach! Wer profitiert von der Blutwäsche? Es ist eine qualifizierte Abteilung mit ausgebildeten Ärzten, Schwestern und ganz viel Technik notwendig. Die Lieferanten der Katheter, der Maschinen und, und, und... profitieren. Und da reißt es auch schon ab. Ärzte verdienen eher weniger, da sie die Kortisonbehandlung nicht abrechnen können. Wobei das Peanuts sind. Aber die Pharmaunternehmen verdienen an der Blutwäsche gar nicht. Stellt euch vor, nur rein theoretisch, mit einer Blutwäsche von Zeit zu Zeit würde das gleiche Ergebnis erzielt, wie mit den wahnsinnig teuren Basismedis. Blutwäsche als Alternative wird es deshalb vermutlich nie geben!
Wir sind doch hier die doofen Patienten!
Stimmt.
Und trotzdem kommen wir den Dingen innerhalb kürzester Zeit auf die Schliche. Unsere Politiker, die sich um unser Wohl kümmern sollen, schaffen das nicht? Blamabel!
Moment! Wer weiß, ob das mit der Blutwäsche überhaupt so einfach funktionieren würde?
Und wer weiß, ob die Medis wirklich funktionieren? Der, der sie produziert? Wo ist die unabhängige Stelle, die das untersucht? Wo sind die unabhängigen Studien? Das ist alles abgeschafft. Das ist ungefähr so, als würde der Schwager vom Einbrecher den Einbruchsfall untersuchen und dann auch noch ohne Kontrolle allein entscheiden, ob das wirklich der Schwager war, der in die Bank eingestiegen ist. Vielleicht ist der auch super nett und kann geil Steaks grillen.

Nehmen wir einmal an, es wäre besser, wenn der Staat das Gesundheitswesen übernimmt. Wer bezahlt das dann alles? MS ist eine Untergrundkrankheit mit ein paar Betroffenen. Im Gesamtsystem ist das doch uninteressant. Da es so wenige Betroffene gibt, sind die Preise der Medis eben hoch, damit der gleiche Profit für den Anbieter rausspringt, als wenn es die 10-fache Anzahl Betroffener gäbe.

Wenn es dann einen Aufschrei über Medikamentenpreise gibt, kommt sofort das Argument, dass der Entwicklungsaufwand für wenige Betroffene genauso hoch ist, wie für ganz viele Betroffene. Schade nur, dass die Entwicklungskosten gegenüber den Werbekosten, die ein Pharmaunternehmen aufwendet, total absinken und zu vernachlässigen sind, sonst könnte man den „Pharmas“ in diesem Punkte sogar glauben.

Nun regen wir uns nicht auf, denn wir kennen die Hintergründe nicht genau! Der eine sagt dies, die andere das. Die „Pharmas“ behaupten etwas, die investigative Presse behauptet etwas anderes. Unser Neuro behauptet gar nichts.
Wenn man das Vorgehen für den Einsatz von „Medis“ mitdem Einsatz eines mechanischen Verfahrens wie Blutwäsche vergleicht, passiert Folgendes:
Jemand glaubt ein Medikament unterdrückt im Körper bestimmte Abläufe, die dafür sorgen, dass unser Gehirn Grütze wird. Es wird eine Studie gemacht, mit mehr oder weniger Teilnehmern und dann kommt es irgendwann zur Zulassung. In der Praxis stellt sich heraus, bei dem einen wirkt es, bei dem anderen aber nicht. Trotzdem versucht man es nach dem Motto: Besser irgend etwas tun, was eventuell nichts bringt, als gar nichts machen und eine Wirkungsmöglichkeit verstreichen lassen.
Klar! Damit auf jeden Fall jemand verdient.
Jetzt kommt der Clou! Gegen die Blutwäsche wird genau umgekehrt argumentiert.

Wieso, das verstehe ich nicht, du Schlaufuchs.

Unser Spezi schraubt sich heute wieder Sachen aus der Hüfte, denen nicht mal ein Gesunder folgen kann. Ich komme mir gerade vor wie Charly von den Peanuts, dessen Lehrerin in keiner Folge auch nur ein verständliches Wort spricht. Charly hört immer nur ho, ho, ho, ...
Ich jetzt auch. Und der leckere Kellner ... Ich gehe doch nicht zum Stammtisch, um dann nachher mit einem Eisbeutel auch dem Kopf ins Bett hüpfen zu müssen. Und ändern können wir sowieso nichts.
Pass auf!
Leichter gesagt als getan.
Bei den Medikamenten nennt man etwas Basistherapie, wenn man auf alles in bestimmten Bereichen des Immunsystems schießt, was böse sein könnte, egal wen man trifft, weil die Folgen, täte man es nicht, angeblich schlimmer sind. Da die MS nie schläft, wie behauptet wird, macht das Sinn.
Blutwäsche wird nur gemacht, wenn man einen Schub hat und zusätzlich Kortison versagt hat und wahrscheinlich auch noch die Basistherapie umgestellt werden muss. In diesem Fall ist MS also nur im Schubfall aktiv und schläft ansonsten. Komisch! Dann wird gesagt: Wir wissen ja nicht, ob die Blutwäsche bei jedem funktioniert. Als wüsste man das bei den teilweise lebensgefährlichen Medikamenten.
Es mag etwas geben, was ich oder wir nicht wissen, trotzdem habe ich das Gefühl, für dumm verkauft zu werden. Ist Blutwäsche etwa gefährlicher als Chemotherapie? Warum gibt es keine groß angelegte Studie; ohne Pharma?
Ruhig Brauner! Für die Doofen, zu denen ich mich zähle: Du meinst also, für Medikamente werden andere Maßstäbe angelegt als für z.B. Blutwäsche?
Genau!

Dafür hättest du deinen zweifellos interessanten Vortrag auch weglassen können. Das weiß doch jeder!

Äh?
Jetzt ist endlich Schluss mit dem Verwirrspiel über „Medis“. Ich habe die Hälfte schon wieder vergessen. Almuth bestimmt auch. Der Spezi ist halt der Spezi. Wir müssen ihn ab und zu bremsen. Aber, dass er jetzt nichts mehr dazu zu sagen weiß, ist sehr lustig. Prost!
Wisst ihr, was ich jetzt wissen will? Ich will wissen, ob Denise sich für eine Blutwäsche entschieden hat, bzw. ob unser Neuro überhaupt dazu geraten hat.

Genau! Und deshalb rufe ich sie jetzt auf ihrem Handy an.

Mach auf laut, Franziska. Wir wollen mithören!
Es tutet. Hoffentlich hat sie ihr Handy an!
Ja!

Wir sind es, dein Stammtisch!

Huhu!
Hey, Denise!
Wie cool, dass ihr mich anruft! Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie langweilig das hier ist.

Wo bist du denn?

Habe ein ganz fettes Rohr im Hals stecken und glotze vor Langeweile auf den Mini-TV vor mir. Ihr glaubt ja nicht, wie nervig meine Bettnachbarinnen sind.
Du hängst also schon an der Blutwäsche? Hast du Skype auf deinem Smartphone?
Ja und klar habe ich Skype. Hier gibt es sogar WLAN umsonst. Wollt ihr mich mal sehen mit meinem Zugang? Ich sehe aus wie ‘ne lebende Kopie von Christopher Reeves.
Den Humor hat sie wieder bekommen. Anscheinend hat die Prozedur auch was gebracht, sonst wäre sie doch nicht so fröhlich. Oder wir sind es, die sie so aufmuntern. Wir sitzen gespannt um das Handy herum und warten bis die Verbindung steht. Und dann taucht Denise endlich auf dem Bildschirm auf. Das Kopfteil ihres Bettes ist auf eine angenehme Sitzposition steil eingestellt und wir sehen eine Großaufnahme ihrer rechten Schulter samt Hals mit einem eingenähten Katheterzugang.
Scheiße, sieht das ätzend aus! Das muss doch wehtun oder nicht?
Das ist mal ‘nen geiler Zugang was? Sieht viel schlimmer aus als es ist. Schlucken und Sprechen war anfangs sehr unangenehm und die ersten beiden Nächte war an Schlafen nicht zu denken. Allerdings hätte ich bei den beiden Weicheiern neben mir und deren Rumgeheule die ganze Nacht sowieso kein Auge zu bekommen.
Hören die nicht mit?
Doch! Ist mir aber egal!
Denise spricht laut in ihr Handy, das nun aufrecht auf ihren gebeugten Beinen liegt, damit sie in ganzer Pracht über Skype in der Kneipe rüberkommt. Die eine Nachbarin tut so, als habe sie nichts gehört und die andere wirft Denise einen verächtlichen Blick zu. Man darf eben nicht gut drauf sein, wenn man in einem Hort des Elends und der Kranken weilt.
Ich freue mich so, euch zu sehen, das könnt ihr euch nicht vorstellen. Meine Erkundigungen vor der Behandlung haben ergeben, dass ich niemanden zu Besuch haben möchte. Dabei hatte ich ein Selfie auf Facebook gefunden, wo sich jemand mitleiderhaschend mit Rohr im Hals und ganz krankem Gesichtsausdruck produzierte und natürlich ganz viel »Eititeiti« und »Och, du Arme« dafür bekommen hat. Ich hatte das Gefühl, Hunderte aus der Community würden mitleiden. So habe ich beschlossen, mich still und heimlich vom Acker zu machen. Ich hatte natürlich tierischen Schiss vor der ganzen Sache, aber so what!
Denise wie sie leibt und lebt. Wenn man bedenkt, wie sie beim letzten Mal hier beim Stammtisch drauf war. Kein Vergleich. Es hat scheinbar schon geholfen oder ... .